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Handbuch Handlettering

04. Mai 2017

Wenn etwas gerade typografischer Zeitgeist ist, dann ist das wohl Handlettering – die Kunst der gezeichneten Buchstaben. Im Grunde kommt man aktuell nicht daran vorbei: Instagram, Pinterest und Co. sind voll davon und auch in Werbung und Verpackungsdesign begegnet man momentan sehr häufig handgezeichneten Buchstaben.

Warum in Zeiten des Digitalen gerade das Per-Hand-Zeichnen von Buchstaben so viele Anhänger hat, liegt, wenn man mich fragt, an der wahnsinnigen Freude und Befriedigung, die das Zeichnen von Buchstaben hat. Typografen kennen dieses Gefühl schon immer, inzwischen dürfte es auch vielen Fachfremden und Hobby-Lettern bekannt sein. Kurzum: Buchstaben-Zeichnen ist einfach toll.

Irgendwann kommt man dabei an den Punkt, an dem man professionell an die Hand genommen werden möchte und auch wenn es im Netz viele Anleitungen für das Zeichnen von z.B. Brushpen-Buchstaben gibt, so geht nichts über ein ausführliches Buch zu dem Thema.

Auch wenn es auf dem Markt schon ein paar sehr schöne Bücher zu dem Thema gibt, hat Chris Campe mit dem »Handbuch Handlettering« nun noch ein weiteres besitzenswertes Buch veröffentlicht. Chris Campe gestaltet unter dem Label »All things letters« wie der Name sagt alles rund um Buchstaben. Sie gibt schon lange Workshops zu dem Thema (z.B. auf der diesjährigen TYPO) und kann auf langjährige Erfahrung im Feld der Typografie zurückblicken. Genau deswegen ist das Buch eine absolute Leseempfehlung.

In der Tat lässt es eigentlich nichts rund um das Thema »Handlettering« aus. Es beginnt mit klassischen typografischen Grundlagen, die man braucht, um den Aufbau von Buchstaben zu verstehen und steigt von dort ins Detail ein: So wird das Konzept von Dekoration und Zierlinien erklärt, genau so wie der Aufbau eines Layouts für ein Lettering.

Auch bereits erwähntes Brush-Lettering bekommt ein ganzes Kapitel in dem Werkzeuge ausführlich erklärt werden und Alphabetvorlagen zum üben einladen. Die schätze ich in der Tat besonders, weil es sich gerade beim schwungvollen Brush-Lettering am besten übt, wenn man konkrete Vorlagen hat. Untermalt wird das Ganze von Tipps und Tricks, an denen man merkt, dass Chris sehr viele Erfahrungswerte auf diesem Feld hat.

Mein Lieblingskapitel ist das über Illustrative Schrift, denn hier zeigt Chris anhand eines konkreten Beispiels in Form eines Buchcovers, wie man von der Idee zum fertigen Cover gelangt. Generell ist das Buch gespickt mit wunderbaren Lettering-Beispielen. So wäre es auch rein als Illustrationsquelle allein schon toll.

Das letzte Kapitel geht ins Detail des Digitalisierens – das ist das was ich am Lettering am aller wenigstens mag, meiner Ungeduld geschuldet. Aber auch hier nimmt Chris alle Anfänger an die Hand und erklärt ausführlich ihren Arbeitsprozess.

Ich mag die Tonalität des Buches sehr, obwohl es eigentlich ein Fachbuch ist und damit in die Bibliotheken der Design-Hochschulen gehört, klingt es locker flockig – ein bisschen als würde man sich mit der Autorin unterhalten.

Dass es hervorragend gestaltet ist, versteht sich von selbst. Zwischendurch gibt es einige wenige Übungen, wenn es nach mir gegangen wäre, hätten es noch ein paar mehr sein können, aber das ist Jammern auf hohem Niveau und wer weiß, vielleicht gibt es auch mal Übungsheft dazu.

Absolute Leseempfehlung für alle, die mit Handlettering anfangen oder ihre Kenntnisse vertiefen wollen.

Chris Campe – Handbuch Handlettering
Eigene Buchstaben & illustrative Schrift gestalten
ISBN: 978-3-258-60165-6

1. Auflage 2017
160 Seiten, durchgehend farbige Abbildungen
gebunden, 23,5 x 26 cm, 861 g
Haupt Verlag
EUR 29.90

Ich habe Chris außerdem gebeten, mir ein paar Fragen zum Buch zu beantworten, daher folgt nun noch ein Mini-Interview.

Liebe Chris, wie ist das Buch entstanden?

Chris Campe: Nach meinen beiden Büchern über Hamburg wollte ich ein Fachbuch über Lettering schreiben. Die Idee habe ich schon anderthalb Jahre mit mir herumgetragen, als sich beim Feierabendwein auf der Buchmesse zufällig ein Gespräch ergab, das der Anlass war, ein erstes Konzept zu schreiben. Der Haupt Verlag war dann der dritte Verlag, dem ich das Konzept angeboten habe und sie wollten es haben. Das war ein Glücksfall, denn während ich ursprünglich vorhatte, Lettering anhand von praktischen Beispielprojekten zu erklären – so wie es die meisten anderen Handlettering-Bücher tun – meinte der Verlag, man müsse das Thema etwas umfassender behandeln und mehr in die Tiefe gehen. Am Ende ist das Handbuch Handlettering nicht nur doppelt so umfangreich geworden, wie ich es zu Beginn konzipiert hatte, sondern auch viel fundierter und besser.

Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Im Juni 2016 habe ich ernsthaft mit der Arbeit begonnen, Ende Januar 2017 ist das Buch in den Druck gegangen, erschienen ist es im März. Im Dezember und Januar habe ich im Prinzip rund um die Uhr daran gearbeitet, 160 Seiten in 8 Monaten, das war wirklich sportlich.

Gleich zu Beginn musste ich einsehen, dass es eine Sache ist, gestalterisches Wissen in der eigenen Arbeit anzuwenden – aber eine ganze andere, dieses Wissen für andere in Wort und Bild zu erklären. Ich musste viel, viel, viel mehr recherchieren, als ich angenommen hatte, besonders weil es für einen großen Teil des Schriftwissens, das man beim Lettering braucht, nicht immer eindeutige Erklärungen gibt und weil manche Aspekte von Typografie bei gezeichneter Schrift wiederum keine Rolle spielen.

Auszuwählen, was ins Buch gehört und was nicht, war der anspruchsvollste Teil der Arbeit. Aber auch das Illustrieren und Texten war nicht ohne, denn ich wollte, dass die Texte gut sind: Also nicht hölzern und dröge, wie so oft in Anleitungsbüchern, sondern gut lesbar und unterhaltsam. Daher hat das Schreiben ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen – das Zeichnen von hunderten von Beispielen sowieso.

Wer ist deine typische Leser für dein Buch?

Das Handbuch ist ein Fachbuch für Gestalter, das auch interessierten Laien mit etwas Lettering-Erfahrung zugänglich sein soll. Es richtet sich an Designer, die ihr Repertoire um den souveränen Umgang mit handgestalteter Schrift erweitern wollen und eignet sich auch für Ambitionierte ohne Design-Background und Interessierte mit Sinn für Ästhetik, die selbst mit Schrift gestalten wollen, statt nur Alphabete zu kopieren.

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