Hi, I'm Nadine.

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Woollaa

06. Jan 2016

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Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle das Buch »To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt« von Florian Pfeffer vorgestellt. Er beschreibt darin, welche Möglichkeiten Designer in ihrem Berufsfeld in Zukunft haben und ruft dazu auf, den Designerberuf zu hinterfragen. Ich empfehle es dringend für jedes Design-Büro Buchregal.

Dass Pfeffer nicht nur über die Zukunft philosophiert, sondern das was er beschreibt auch macht, beweist sein neuestes Projekt: Woollaa. Woollaa.com ist eine industrielle Strickmaschine, die an das Internet angeschlossen ist. Mit Hilfe von speziell gestalteten Editionen kann damit jeder direkt und in Echtzeit in den Entstehungsprozess von Mode und Home Accessories eingreifen und sein persönliches Einzelstück erstellen. Woollaa ist das Gegenstück zu Fast Fashion – T-Shirt für drei Euro, die man mal eben mitnimmt. Das Team hinter Woollaa möchte, dass der Käufer sich mit dem Produkt das er kauft auseinandersetzt. Was Woollaa mit Pfeffers Buch zu tun hat und wohin das Projekt gehen soll, hat er mir in einem Interview erzählt.

Ist Woollaa eine direkte Folge auf »To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt«?

In gewisser Weise ja.
Obwohl man damit ein bisschen vorsichtig sein muss – denn „To Do“ propagiert ja keine eindeutigen Antworten und so ist dieses StartUp nur eine von vielen möglichen Konsequenzen.

Aber im Prinzip ist die Idee eine Folge von vielen Überlegungen, die die Grundlage für das Buch gebildet haben.

Das sind die vier wichtigsten:

1. Neue Geschäftsmodelle

In „To Do“ dreht sich vieles um neue Terrains und neue Geschäftsmodelle für Designer, z.B. Was können wir mit dem, was wir gut können, noch alles tun?).

Für uns stand vor drei Jahren die Frage im Raum, wie wir Alternativen zu dem klassischen Dienstleistungsmodell eines Designbüros entwickeln können – ohne das aufgeben zu müssen, was wir gut können. Anstatt auf ein Projekt zu warten, dessen Rahmen von außen definiert ist, wollten wir einen eigenen Rahmen erfinden, der es uns erlaubt, die gesamte Wertschöpfungskette von Design selber zu gestalten und zu beherrschen.

Während bei one/one (wie bei jedem anderen Designbüro auch) nach dem Abschluss eines Projektes ein neues Projekt kommt, sind wir bei Woollaa nicht mehr nur Konzeptioner und Gestalter, sondern gleichzeitig Produzenten und Vermarkter von Design. Wir haben uns gefragt: Wenn Design tatsächlich so viel Mehrwert produziert, wie wir immer behaupten … warum sollen dann nur andere davon profitieren und diesen Mehrwert schöpfen?

[Im Buch: 061 Geschäftsmodelle / 062 Realität gestalten – Design jenseits der Serviceindustrie]

2. Neue Technologien / Vernetzung

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Außerdem geht es um neue Technologien (auch das ist ja ein großes Thema aus »To Do« – Globalisierung und Vernetzung).

Unsere Software macht aus einer Strickmaschine einen 3D-Drucker für Textilien.
Aktuell sind wir in einer Beta-Phase. Aber in der nahen Zukunft könnten wir beispielsweise durch das Netz eine Strickmaschine in den USA ansteuern und so den Entwurf eines französischen Designers als Einzelstück anfertigen lassen, der von einem Kunden in New York personalisiert worden ist. Wir können Einzelstücke zum Preis eines Serienproduktes herstellen und Lieferwege abkürzen. Wir haben kein Lager, weil alles nur »on demand« im Moment einer Bestellung produziert wird.

Am wichtigsten dabei ist aber die Tatsache, dass Kunden und Designer Zugang zu den Produktionsmitteln haben und sich so der Charakter eines Produktes verändert. Was vorher festgefügt war, wird flüssig – Form, Inhalt, Material, Produktion …

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3. Open Design

Woollaa ist eine Plattform bei der Endverbraucher (ein schreckliches Wort) und Designer in den Produktions- und Designprozess eingreifen können.

In einem nächsten Schritt können wir unsere API jedem Designer und jedem Unternehmen zur Verfügung stellen, die unsere Technologie gerne nutzen wollen. Die Möglichkeiten für Kooperationen sind dabei fast unendlich. Es sind Projekte und Kollaborationen mit Kunst und Musik vorstellbar, Marketingaktionen für Unternehmen etc. etc.

Es ist ja kein Geheimnis, dass heute jeder irgendwie ein Designer ist (oder sein kann). Wie aber kann man dieses neue Verhältnis von Designern und Kunden produktiv machen?

Mit Woollaa bringen wir Designer, Illustratoren, kreative Coder und Nutzer zusammen.Jedes Produkt wird von dem Nutzer geformt – den Rahmen dazu bieten Designer und wir kuratieren bzw. ermöglichen das alles (Shop, UX, Marke, API etc.).

Am 7.1. startet unsere nächste Edition als Kooperation mit 16 internationalen Designern (z.B. Peter Bilak, Hort oder Zipeng Zhu aus New York). Die Möglichkeiten in das Design einzugreifen sind hier zwar noch etwas eingeschränkt – aber uns geht es im Moment darum, zu experimentieren. Wieviel wollen User überhaupt selber machen? Wie können Nuzter Produkte mir ihrer/n eigenen Geschichte(n) verknüpfen?

[Im Buch 001: Offenheit – da wird die Initiative „Open Structures“ beschrieben. Ein Design-System mit dem viele Designer gleichzeitig an vielen Projekten arbeiten können, indem sie die Ressourcen teilen. Bei Woollaa werden die Nutzer mit einbezogen. Was bei OS das Raster ist, ist bei uns die API und die Nutzeroberfläche des Konfigurators …]

4. Slow Fashion und Transparenz

Das eigentlich »offene« an dem Designprozess von Woollaa ist aber die Transparenz.

Wir alle kaufen ja heute Produkte, von denen wir nicht mehr wissen, wie sie zustande gekommen sind und ob wir mit diesen Bedingungen einverstanden sein können.

Wir wollen den kompletten Produktionsprozess von Knitware transparent machen. Designer, Illustratoren und Coder bauen einen Rahmen. Der Nutzer kann das Produkt innerhalb des Rahmens an seine Wünsche anpassen und eigene Geschichten hinzufügen. Die Strickmaschine steht in Deutschland. Dementsprechend kurz sind die Lieferwege und es gibt keine undurchsichtigen Arbeitsbedingungen.

Aktuell arbeiten wir noch an dem Material (woher kommt das Garn und was ist überhaupt das ökologisch sinnvollste Material)? Es ist nämlich nicht so, dass reine Baum- oder Schurwolle am sinnvollsten sind. Unter bestimmten Bedingungen sind Kunstfasern besser, es gibt recycelte Wolle (die aber schwer mit einer Maschine zu verarbeiten ist) etc. Das ist ein komplexes Thema und da brauchen wir aktuell noch etwas Zeit, um das so zu lösen, wie wir das gerne hätten.

Wir wollen so ein Gegenmodell zu dem Modell von »Fast-Fashion« aufbauen.

Der Aspekt der Personalisierung spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn Menschen messen Dingen, die sie selber gemacht oder selber zusammengebaut haben, einen höheren Wert bei. Wir produzieren nur Dinge, die tatsächlich jemand will und die länger halten, weil sie »geliebt« werden.

[Im Buch: 018 Dunkle Materie / Transparenz]

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Was habt ihr in Zukunft mit Woollaa noch vor?

Woollaa ist viel mehr als einfach nur eine Website, auf der man sich selber einen Schal gestalten kann.

Im März bringen wir zwei neue Produkte und Editionen heraus: Kissen und Babydecken.
Dazu entwickeln wir gerade eine Art »Drag & Drop« Illustrations-Maschine und einen »Mustermaker«. Also eine Oberfläche, mit der man eigene Illustrationen kombinieren und collagieren kann bzw. abstrakte Muster generieren kann.

Der große Rahmen aber ist, dass wir in den kommenden Jahren Woollaa zu einer internationalen Plattform für »Open Textile Design« ausbauen wollen – mit all den Facetten und Aspekten wie oben beschrieben. Wir haben also noch eine ganze Menge vor, vor allen Dingen was Kooperationen mit Nutzern, Designern und Unternehmen sowie die Weiterentwicklung unserer API betrifft. Wir wollen außerdem so fair wie möglich produzieren (und immer offen darüber sein, wie gut uns das gelingt).

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woollaa.com

→ Das Buch To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt

2 Kommentare

Hinweis: Beim Link zu http://www.woollaa.com fehlt ein “o”.

Danke! :)

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